ALLE ARZT AUSEINANDER DR.BORINGER EMMMA_VON_WALDSTATTEN FRAU FRAUEN FRAULEIN_ELISE FRIEDRICH GABRIEL GEFANGENE HANDKE HARTUNG HERERO HERERO_SOLDAT_A HERERO_SOLDAT_B HOFFMANN HOFFMANNS_MUTTER KEZIA KRAMER KUHLMANN LAGERARZT LEICHENBESCHAUER OFFIZIER PROFESSORVON_WALDSTATTEN PROFESSOR_VON_WALDSTATTEN SOLDAT SOLDATEN SOLDAT_A SOLDAT_B SOLDAT_C STUDENT TROTZDEM UBERSETZER UBERSETZE_UND_KEZIA UNTEROFFIZIER UNTERTITEL VON_CRENSKY VON_ESTORFF VON_TROTHA WENDENBURG ZWEI_HERERO HOFFMANN Todesursache? LEICHENBESCHAUER Messerstecherei. HOFFMANN Alter? LEICHENBESCHAUER 24 HOFFMANN Geisteskrankheiten. LEICHENBESCHAUER Keine. HOFFMANNS MUTTER Mochtest Du dem Fraulein Elise nicht von den Abenteuern Deines Vaters berichten? HOFFMANN Sicher Mutter. Bitte. Mein Vater war Ethnologe der ersten Stunde. Er bereiste Nord, Mittel und Sudamerika. Ozeanien. Er verstarb vor uber sechs Jahren in Afrika. FRAULEIN ELISE Was ist ihm zugestossen? Wilde? Haben Sie denn auch diese.diese Abenteuerlust? HOFFMANN Ja. Ja. Ich war leider noch nie in Afrika. FRAULEIN ELISE Leider? Haben Sie denn gar keine Angst? HOFFMANN Die einzige Angst die ich habe, ist, dass der letzte Augenblick bereits gekommeist. Der schnelle Wandel unserer Zeit, der Austausch mit der ganzen Welt fuhrt zu neuen Begegnungen mit fremden Kulturen, mit Wilden, wie Sie sagen, und unsere Zivilisation wird diese zwangslaufig verandern. Zeugnisse von unermesslichem Wert fur die Menschheitsgeschichte gehen verloren, wenn wir sie nicht jetzt erforschen. Und keine Generation nach uns, wird das noch tun konnen. Nichts als das Werk meines Vaters fortzufuhren, wurde meinem Leben einen Sinn geben. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Hier sehen wir den durchschnittlich entwickelten Schadel eines Berliner Arbeiters aus dem Wedding. 24 Jahre ist der Mann alt keine Geisteskrankheiten in der Familie, keine Verbrechen. Wie Sie sehen, ist der Kopf des weiben Mannes doch betrachtlich grober als dieser hier. Der Kopf eines San, auch Buschmann genannt. Sie leben als Jager und Sammler, weisen eine relativ geringe Ko pergrobe von 1,40 m bis 1,60 m auf, und wie Sie sehen konnen, entsprechend kleine Schadel. Herr Hoffmann, lassen Sie die Kopfe ruhig herum gehen. Die beiben ja nicht mehr. WENDENBURG San oder nicht San, das ist hier die Frage. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Angaben uber die - Danke - erste Besiedlung des sudlichen Afrikas durch die San gehen weit AUSEINANDER Sie reichen von etwa 10.000 bis 25.000 Jahre zuruck. Seit dem 16. Jahrhundert wurden sie von Bantu sprechenden Gruppen aus den Norden immer unwirtliche Gegenden abgedrangt, versklavt und in Stammeskriegen getotet. Die Buschleute wurden also verdrangt von den Herero im Nor- den und von den Nama, oder wie wir sie nennen den Hottentotten, im Suden. Vertreter dieser primitiven Stamme sind demnachst zu Gast fur die Volkerschau des Kaisers hier bei uns in Berlin, und ich habe fur Sie, meine Herrschaften, die Moglichkeit erwirkt, diese Ras- sen personlich zu untersuchen. Jeder Student bekommt ein eigenes Exemplar zur Erforschung. HANDKE Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Gaste: Treten Sie naher. Sehen Sie nun aus dem Schutzgebiet Deutsch-Sudwestafrika, die Hereros und Hottentotten! Treten Sie naher, die Herrschaften. Ja, los! Bisschen schneller wenn!s geht, bitte. PROFESSOR VON WALDSTATTEN So. Herein, herein, herein. Da haben wir ja unere Gaste. Also guten Tag. Wer sind die Dolmetscher? Mein Name ist Professor von Waldstatten, und das hier sind meine Studenten. Wir werden Sie alle vermessen. Ubersetzen Sie das bitte. UBERSETZE UND KEZIA Eye onongo nu imbo !varwe ovahongua ve, mave vanga okutusaneka. Gawi ans di Gau!naaob tsib di Gawi gau! na!kaib goan ts�n ge sida ra no gao. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Jaja, ganz recht. Wir werden ihre Kopfe vermessen. Es tut nicht weh, keine Angst. FRIEDRICH Kunouje, raera omukururume nguno ngwava ngo kutja kena kusaneka oviuru vietu. Ongooneya Leutwein weturaerere kutja maturihongo po otjina mba. Kapari nehungi rokutja matuzarisiwa ozombanda ozohimise nokupaterwa moviwongo no nongo okuye kutu kondonona. Murarera kutja owami omuzandu wa Samuel Maharero nu hina kujenda kumwe nondjindiro ndji. UNTERTITEL Kunouje, kannst du dem alten Mann mit dem Tierfell sagen, dass er unsere Kopfe nicht vermessen wird. Gouverneur Leutwein hat uns gesagt, dass wir hier etwas ler nen werden. Es war nie die Rede davon, dass wir uns lacherliche Kostume anziehen, in Kafigen ausgestellt werden, und dann auch noch ein Professor kommt und uns unter sucht. Sag ihm, dass ich der Sohn von Samuel Maharero bin und dieser Behandlung nicht zustimme. KEZIA Nein PROFESSOR VON WALDSTATTEN Was nein? Er hat doch viel mehr gesagt. HANDKE Nun mal langsam, Freundchen. Der Professor redet mit dir! KEZIA Friedrich, hapo indjo !ndunge ombwa nai? Mapetjitivi tjive tusaneke.Kavena kutuhihamisa nu. UNTERTITEL Wenn wir gar nichts mitmachen, dann werden wir keine Audienz bekommt bei Kaiser Wilhelm FRIEDRICH Kaiser Wilhelm. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Na also. Dann wollen wir anfangen. Meine Her ren, wir vermessen zuerst von der Glabella zum Opisthocranion den grobten Langsdurchmesser. Fangen Sie an, meine Herren. HOFFMANN Ganz ruhig, keine Angst. Das tut nicht weh. Nur einfach nicht plotzlich bewegen, bitte. Mhm. Wie heiben Sie? KEZIA Kezia Kambazembi. HOFFMANN Ke.Konnen Sie schreiben? Was haben Sie vorher zu Ihrem Freund gesagt, um ihn umzustimmen? Sie haben Kaiser Wilhelm erwahnt. Warum? PROFESSOR VON WALDSTATTEN So als nachstes messen wir Eurion zur Bestimmung der Schadelbreite. Nein, doch nicht bewegen! Ach Gott. Tuch. Also weiter. HOFFMANN Geht es? Ja? Ich vermesse nur das Ohr. Ich werde jetzt Ihre Zahne zahlen. Einmal Mundauf, ahhh. KEZIA Ah. HOFFMANN Ja. Und einmal Zunge hoch. Ja. HOFFMANNS MUTTER Na wie findest Du sie? HOFFMANN Wen meinst Du? HOFFMANNS MUTTER Die Grafin von Schulenburg. Elise. HOFFMANN Ah ja. Sie ist nicht sehr schon, muss man sagen. HOFFMANNS MUTTER Na und? Sie ist adelig, sie ist reich. Ausserdem ist sie gesund. Sie wird Dir Kinder schenken. Glaubst Du sie hatte in Erwagung gezogen Dich zu heiraten, wenn sie auch noch schon ware? Mach ihr den Hoff, fuhr sie aus. Es ist Deine Gelegenheit zu Ansehn und Wohlstand zu gelangen. HOFFMANN Mutter, ich will. HOFFMANNS MUTTER Was? Du mochtest ein grosser Ethnologe werden. Ein Abenteurer. Ein Professor. Glaub mir mein Junge, wir haben alle unsere Traume. Ich wunschte ich ware nicht krank, wir waren nicht arm und du warst wie Dein Vater. Aber so ist es nun mal nicht. Hoffmann: Ich ah.Kezia, kann ich. FRIEDRICH Kunouje, epanga roye marivanga okuvara omayo woye rukwao! UNTERTITEL Kunouje, dein Freund will nochmal deine Zahne zahlen! KEZIA Ja? HOFFMANN Guten Abend. Was macht Ihre Verletzung? KEZIA Besser. HOFFMANN Gut. Konnen wir uns setzen? Kurz? Bitte. Ich wurde Ihnen gerne einige Fragen stellen, um das Volk der Herero besser verstehen zu konnen. Geht das? Darf ich fragen, wieso Sie Deutsch sprechen? KEZIA Ein Missionar hat mich unterrichtet. HOFFMANN Verstehe. Kezia ist ja ein Name aus dem Alten Testament. Ha- ben Sie auch einen Herero-Namen? KEZIA Kunouje. HOFFMANN Hat der Name eine Bedeutung? KEZIA Wo immer du hingehst,findest du eine neue Welt. HOFFMANN Das ist ja poetisch. Ich liebe Lyrik. Wollen Sie das lesen? KEZIA Du bist wie eine Blume So hold und schon und rein: Ich schau dich an, und Wehmut Schleicht mir ins Herz hinein. Mir ist, als ob ich die Hande. Aufs Haupt dir legen sollt Betend,dab Gott dich erhalte So rein und schon und hold. HOFFMANN Gefallt Ihnen das? Haben Sie einen Begriff von Romantik? Ich meine die Hinwendung zum Unbewussten, die Flucht in Traum und Fantasiewelten. Fluchten Sie sich manchmal in Fantasie? KEZIA Jeder Mensch, oder? HOFFMANN Ja. Jeder Mensch. Genau. Wie steht es mit der Sehnsucht nach der Ferne? Hat Wanderlust Sie hierher gebracht? KEZIA Nein. Man hat mich gezwungen, weil ich Deutsch spreche. HOFFMANN Ja, ich verstehe. HOFFMANN Ich konnte in den nachsten Tagen ofter kommen und wir konn ten uns austauschen. Ich hab viele Fragen. KEZIA Wir haben auch viele Fragen. HOFFMANN Wir? HOFFMANN Ich habe hier eine Liste mit Fragen vorbereitet. Ich wurd gern anfangen mit Fragen zur Religion. Gut also.Sind alle Nama und Herero Christen? FRIEDRICH Ngaise okutupura omapuriro! Nai otjikando tjetu nu ami metie. Nambano eye omujenda wetu. Opuwo. Muraera nao! Nu mupura kutja unjanda ehore roukarata!h KEZIA Friedrich sagt, so geht das nicht. Er will normal reden. Ein Gesprach, kein Studium. Kennst du Siebzehn und Vier? HOFFMANN Ja, ja. KEZIA Wir spielen und reden. Ganz normal. HOFFMANN Ah ja.gut. Gerne. Ja. Dann KEZIA Die Missionare kamen lange vor den Siedlern und Soldaten. Jetzt glauben wir an Jesus Christus. HOFFMANN Woran habt ihr geglaubt, bevor die Missionare kamen? KEZIA An Mukuru. HOFFMANN War es nicht schwer, den alten Glauben so abzulegen? KEZIA Nein. Jetzt heibt Mukuru eben Gott. Fur uns ist wichtig, dass Mukuru den Ahnengeistern grobe Kraft gib. Unsere Ahnen sind immer mit uns. Sie sprechen mit uns. HOFFMANN Heibt das, dass deine Ahnen jetzt hier sind? Mit dir im Raum? KEZIA Ja. HOFFMANN Und du kannst sie sehen? KEZIA Ja. 21! HOFFMANN Aber warum sind deine Ahnen hier? KEZIA Weil die Lebenden immer den Toten dienen. HOFFMANN Der Kaiser empfangt die Wilden. Gibt es eine minderwertige Rasse? PROFESSOR VON WALDSTATTEN Herr Hoffmann! Auf ein Wort. Sagen Sie mal, lie ber Hoffmann, wollen Sie sich das Leben wirklich so schwer machen? Wenn Sie in Ihrer Probevorlesung allen Ernstes behaupten, dass die gravierenden physischen und psychischen Unterschiede, die zwischen dem schwarzen Mann und dem weiben Mann bestehen, nur kulturelle Pragungen sind, dann kann ich Ihnen nicht versprechen, dass Ihre Bewerbung auf eine Dozentenstelle an dieser Universitat gelingt. HOFFMANN Oh. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Ja, oh. Was haben Sie sich dabei gedacht? HOFFMANN Nundas ist ja auch erstmal nur eine Hypothese. Ich. ich habe in den letzten Wochen viel Zeit mit den Herero und Nama verbracht und erstaunliche Beobachtungen gemacht. Sie sind sehr klug, vor allem Frau Kambazembi. Sie. ich habe mit ihr uber kulturelle Distinktionen gesprochen, uber Politik, Wirtschaft und Religion. Sie ist faszinierend. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Mein Junge. Sie erinnern mich so oft an Ihren Herrn Vater. Als wir noch zusammen reisten, wollte er auch immer um jeden Preis bewei- sen, dass es keine Wilden gabe. Bis sie ihn aben. HOFFMANN Ja. Dennoch, ich mochte meine These wagen. Anhand von Frau Kambazembi stellt sich die Frage, ob die weibe Rasse wirklich einen evolutionaren Vorsprung hat. Ich werde an meinem Text arbeiten. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Ja, ja. Das sollten Sie. Sagen Sie, kennen Sie Sarah Bartmann, die Hottentottenvenus. Weil bei ihr die Schamlippen lang herabhingen, ha-ben nicht alle Negerinnen eine Hottenttenschurze. Ihre kluge Herero-Frau ist ein Einzel- fall, eine Ausnahme, ein schwarzer Schwan. Allerdings ware es vielleicht die Muhe Wert, Frau Kambazembi nach ihrem Tod zu sezieren. Ein so auberordentliches Gehirn ware sicherlich ein Gewinn fur unsere Sammlung. Da aber von ihrem baldigen Ableben nicht auszugehen ist, werden wir uns vorerst mal mit einer Fotografie des schlauen Kopfes begnugen mussen. HOFFMANN Die Zeitungen schreiben, dass ihr eine Audienz bei Kaiser hattet. Ist das wirklich wahr? KEZIA Ja. HOFFMANN Du warst bei Kaiser Wilhelm, ja? KEZIA Ja. HOFFMANN Und wie war er? KEZIA Der Kaiser hat Angst. HOFFMANN Wie kommst du denn darauf? KEZIA Konnte man sehen. HOFFMANN Der Kaiser hat keine Angst. Vor wem denn? Hm? Vor nichts und niemandem. KEZIA Friedrich sagt zum Kaiser, die Herero und Nama erwarten eine Versicherung, dass seine Majestat den Frieden mit uns halten will. Eine Antwort hat der Kaiser uns aber nicht gegeben. HOFFMANN So spricht ihr mit dem Kaiser? KEZIA Friedrichs Vater ist ein Konig. HOFFMANN Was fur Konig? KEZIA Samuel Maharero. Anfuhrer der Herero. Er hat uns zu Kaiser Wilhelm geschickt. HOFFMANN Deshalb hast du Friedrich uberredet, keinen Arger zu machen? Damit eure Audienz nicht in Gefahr gerat? KEZIA Genau. HOFFMANN Droht denn ein Krieg bei euch? KEZIA Ihr nehmt unser Land weg! HOFFMANN So durft ihr aber trotzdem nicht mit dem Kaiser sprechen. KEZIA Warum nicht? HOFFMANN Aus Respekt! KEZIA Was ist Respekt? HOFFMANN Etwas, was ihr offensichtlich nicht habt! Halt! Ich mochte doch eine Fotografie von dir aufnehmen. KEZIA Warum? Weil dein Professor das sagt? HOFFMANN Nein. Damit ich eine Erinnerung an dich habe, wenn du wieder weg bist.Meine Herrschaften, damit beende ich diese Testreihe und komme zur Conclusio meiner Beobachtungen. Frau Kambazembi zeigt erstaunliche geis tige Fahigkeiten, und ich behaupte, dass ihr ein hoherer Bildungsgrad nur durch aubere Umstande versagt blieb, nicht durch genetische Veranlagung. Sie ist ein Hinweis darauf, dass die trennenden Eigenschaften der sogenannten �Rassen� nur durch soziale, klimatische und andere Faktoren entstanden sind. WENDENBURG Ihre Beobachtungen an dieser Frau erinnern mich an meine Beobachtungen bei meiner jungsten Schwester. Sie war mit acht Jahren ahnlich weit ent wickelt wie Frau Kambazembi. Doch da lagen noch acht Jahre korperlichen Wachstums vor ihr, und diese physische Uberlegenheit ist es doch, die uns Kulturwesen zu einer hoher entwickelten Rasse macht. HOFFMANN Nun, ich kann zur Geisteskraft Ihrer Schwester nichts sagen, Herr Wendenburg, aber ich weib naturlich, wie Sie denken. Sie glauben an Charles Darwin wieein Junger und werden mir gleich seine evolutionaren Theorien vom Ursprung der Arten von der Abstammung des Menschenreferieren. Sie werden sagen, dass es unter- schiedliche Menschenrassen gibt, und das naturliche Selektion fur den Aufstieg der in dustriellen Zivilisationen verantwortlich ist. Aber Sie wissen ganz genau, dass Darwin nur spekulierte! WENDENBURG Und Sie wollen ihn widerlegen, weil Sie eine Wilde gefunden haben, die 17 und 4 spielen kann? HOFFMANN Nein, das will ich nicht. FRAULEIN ELISE Auf Wiedersehen. HOFFMANN Nein, das will ich nicht! Ich will dem Ideal Alexander von Hum boldts folgen, indem ich meine eigenen Beobachtungen von der Welt machen. Ich will die Welt nicht in vorgegebene Konzepte zwangen. Ich will sie verstehen. FRIEDRICH Leb wohl, Hoffmann. HOFFMANN Leb wohl, Friedrich. Okahepa. FRIEDRICH Okahepa. HOFFMANN Ihr fahrt bereits? KEZIA Ja. Wirst du Professor? Oder die andere? HOFFMANN Ich. Ich werde Professor. KEZIA Leb wohl. HOFFMANN Ich hab etwas fur dich. KEZIA Dankeschon. Ich muss gehen. HOFFMANN Entschuldigung. WENDENBURG und das ist das wahre Erbe Charles Darwins. Deshalb ist sein Beitrag zur Evolutionstheorie unstrittig, von wesentlicher Bedeutung. Schlieben wir also, dass die Rassen durch naturliche Selektion entstanden sind, so stellt sich bezuglich ihrer Hygiene dennoch folgende Frage Die Spartaner toteten ihre neugeborenen Kinder, wenn sie verkruppelt waren. Kann man so eine Mabnahme zur Optimierung der eigenen Rasse uberhaupt Mord nennen? Ich danke Ihnen. Herr Professor. PROFESSORVON WALDSTATTEN Herr Wendenburg. WENDENBURG Ich grube Sie. Was gibt!s? PROFESSORVON WALDSTATTEN In DeutschSudwest droht Krieg. Die Herero und Nama haben sich gegen die Schutztruppe erhoben. Sie haben Siedler ermordet. Der Kaiser schickt General von Trotha. WENDENBURG Sagt mir nichts. PROFESSORVON WALDSTATTEN Er hat den Boxeraufstand in China niederge- schlagen. WENDENBURG Oha. PROFESSORVON WALDSTATTEN Ja ja, ich gehe davon, aus dass er mit derselben Harte vorgehen wird. Ich mochte eine kleine Expedition aussenden, die die Truppen bei der Niederschlagung dieses Aufstandes begleitet und materielle Zeugnisse der Stamme fur unser Volkerkundemuseum sammelt. Waren Sie bereit, diese Aufgabe zu ubernehmen? WENDENBURG Herr Professor, es ware mir eine Ehre. PROFESSORVON WALDSTATTEN Kunftige Generationen werden es Ihnen danken. HOFFMANN Ich mochte mich auch fur diese Expedition anbieten. Bitte. Ich kann dort von Nutzen sein. WENDENBURG Hoffmann. KRAMER Psst. WENDENBURG Hier oben muss Wasser gewesen sein. KRAMER Halt dein Maul, du Idiot! Wendenburg: Ist gut, tut mir leid KRAMER Los. VON CRENSKY Da. Kurz hinter der Wasserstelle auf 2 Uhr. Maharero und sein Sohn. Erkennen Sie ihn? HOFFMANN Ja. VON CRENSKY Vorsichtig, uberall Wachen. WENDENBURG Ahh! HARTUNG Schwarze Mamba. WENDENBURG Nein. HARTUNG Ganz ruhig. Ruhig bleiben, ganz ruhig. VON CRENSKY Ganz ruhig, ganz ruhig. HARTUNG 20 Minuten bis zum Herzstillstand. HOFFMANN Er kann so nicht atmen. Lassen Sie ihn los, er kann so nicht atmen. VON CRENSKY Die Wachen. Ich weib. Ich weib. Ich weib. Ruckzug. Leutnant, lassen Sie den Mann mit Kalk abloschen. Sie wissen schon, Seuchengefahr. KRAMER Jawohl, Herr Oberleutnant. Becker, Tomsen, abloschen! HOFFMANN Herr Oberleutnant. Ich beantrage beim Stabsarzt eine Obduk- tion. VON CRENSKY Ihr Kollege ist an einem Schlangenbiss gestorben. HOFFMANN Das wird die Obduktion zeigen. VON CRENSKY Jeder Mann dieser Einheit weib, dass er noch leben wurde, wenn ihn nicht die Schlange gebissen hatte. HOFFMANN Sagen Sie bitte dem Stabsarzt, dass ich ihn spreche mochte? UNTEROFFIZIER Er ist in einer Lagebesprechung. HOFFMANN Es ist dringend. UNTEROFFIZIER Kleinen Moment. VON CRENSKY Hoffmann, ich bedaure zutiefst, dass Ihr Freund zu Tode kam, ich hatte keine Wahl. HOFFMANN Er war alles andere als mein Freund. TROTZDEM Sie hatten versuchen mussen ihn zu retten. VON CRENSKY Ich versuche jeden Mann meiner Einheit zu retten. Oberleutnant von Crensky! Herr Major. Was hat die Feindaufklarung ergeben? Ich werde Ihnen sofort berichten. LAGERARZT Was gibt!s? HOFFMANN Ich ersuche Sie um eine Obduktion. VON CRENSKY Herr Hoffmann,kommen Sie. Wir konnen das hier in aller Of fentlichkeit besprechen. HOFFMANN Entschuldigen Sie. VON CRENSKY Meine Herren, einige von Ihnen kennen den Forschungsreisenden Alexander Hoffmann noch nicht. Er ist Ethnologe. HOFFMANN Guten Tag. VON CRENSKY Leider wurde sein Kollege Wendenburg heute morgen bei unserer Feindaufklarung von einer schwarzen Mamba gebissen und verstarb in meinem Arm, bevor wir uns unter den Augen des Feindes. VON TROTHA Fuhrt diese Geschichte noch irgendwohin, Herr Oberleutnant? HOFFMANN Ja. Sie haben ihn getotet! Und ich beantrage eine Obduktion, Herr General. VON ESTORFF Wenn Sie Anshuldigungen gegen den Oberleutnant vorbrinen wollen, ist das wohl kaum der richtige Rahmen. Sie konnen sich gerne in Windhuk an den Militargerichtsrat wenden und eine Untersuchung einleiten lassen. VON TROTHA Meiner Meinung nach sollten Sie dem Oberleutnant von Crensky danken, dass Sie noch leben. Warum haben Sie diese Leute uberhaupt mitge nommen? VON CRENSKY Er kennt den Sohn des Oberhauptlings Maharero. VON TROTHA Sie kennen Friedrich Maharero personlich? HOFFMANN Ja Wir lernten uns bei der Volkerschau in Berlin kennen. VON TROTHA Ja weiter. VON CRENSKY Er hat ihn identifiziert. Samuel Maharero und sein Sohn Friedrich befinden sich derzeit im Lager VON ESTORFF Wie gut kennen Sie ihn? Wurde er Sie fur Friedensverhandlungen empfangen? HOFFMANN Ja, ich denke schon. VON TROTHA Nein. Nein, von Estorff, wir hatten das bereits besprochen. VON ESTORFF Aber Herr General, die Lage hat sich geandert. Wir hatten ei- nen Emissar, dem der Feind vertraut. VON TROTHA Ich halte nicts von Friedensverhandlungen. Wir haben so einen perfekten Ring um den Feind gezogen. Ich denke, wir sollten die Mausefalle zu- schnappen lassen und den Feind ein fur alle Mal niederwerfen. Umso mehr, da wir jetzt wissen, dass ihr Oberhauptling und sein Sohn vor Ort sind. Danke, Herr? HOFFMANN Hoffmann. KRAMER Vater, du erhore mich, fuhre mich zum Sieg, fuhre mich zum Lobe. Herr, im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiliges Geistes. Amen. Kezia spricht in Otjiherero. HOFFMANN Spricht in Otjiherero Freund. Kein Soldat. Friedrich Maharero. Ich mochte zu Friedrich Maha. HERERO SOLDAT A Ingo o Friedrich Maharero. No !ngwae tjeno tjiperendero tja Friedrich? HERERO SOLDAT B Ngahino omusorondate uriri, nu ovapuna ye maveya nam- bano? Ngatuzepo mba. Omusorondate nguhina muzaro? HOFFMANN Kunouje! HERERO SOLDAT A Kunouje. HOFFMANN Kunouje! KEZIA in Otjiherero. KEZIA Was ist das? Friedrich: Die Deutschen greifen an! HERERO in Otjiherero SOLDAT C in Otjiherero SOLDATEN Schneller, zusammen, schneller Ein Arzt, ein Arzt, hier druben. ARZT Kommt gleich jemand, der sie verbindet. HOFFMANN Danke. VON CRENSKY Bin beeindruckt, dass sie noch leben. Kleiner Fischzug fur#s Volkerkundemuseum, hm? Zahlen die eigentlich anstandig? HOFFMANN Ich erforsche diese Kulturen. VON CRENSKY Ach so, das ist naturlich etwas anderes. Ich dachte schon, Sie waren nur ein Dieb. Ich hatte Sie gestern einfach erschieben konnen, wissen Sie das? Als Sie aus dem Lager geschlichen sind, um Ihren Freund Friedrich zu warnen. Ich habe Sie gesehen.Feindbegunstigung. Das wars dann wohl mit ihrem Fischzug im Hereroland, hm? Sie melden den Schlangenbiss beim Kriegsgerichtsrat in Windhuk, und ich melde Ihren Verrat dem Generalstab. Ich erhalte einen Tadel, aber Sie werden keine Einheit mehr finden, die einen Verrater bei sich haben will. Wir konnten naturlich auch unseren Streit vergessen und uns zusammentun: Ich biete Ihnen Schutz, und wir teilen Funfzig Funfzig. Die Abteilung von der Heyde ist in der Dunkelheit in die falsche Richtung marschiert. Sachen gibt#s! Jedenfalls war der Ring nicht geschlossen, und die Herero ziehen nach Osten ab. Wir bilden Patrouillen und treiben sie in die wasserlose Kalahari. Die werden sehr viele schone Dinge zurucklassen auf ihrer Flucht. Da konnen Sie kistenweise Zeug fur Ihr Volkerkundemuseum sammeln. Hm? Denken Sie daruber nach. OFFIZIER Zweite Abteilung antreten! Achtung! VON TROTHA Ich, der grobe General der deutschen Soldaten, sende diesen Brief an das Volk der Herero. UBERSETZER spricht in Otjiherero. VON TROTHA Die Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet, gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Korperteile abgeschnitten und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kampfen. Ich sage dem Volk: Jeder, der einen der Hauptlinge als Gefangenen an einer meiner Stationen abliefert, erhalt 1000 Mark, wer Samuel Maharero bringt, erhalt 5000 Mark.Das Volk der Herero muss jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit und ohne Gewehr erschos- sen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, ich treibe sie zu ihrem Volk zuruck. Das sind meine Worte an das Volk der Herero. Der grobe General des machtigen Kaisers, von Trotha. OFFIZIER Manners. SOLDAT A Los, beweg dich! VON CRENSKY Wegtreten! SOLDAT A Hier sind die Flugblatter SOLDAT B Nehmt die Flugblatter. Ich habt gehort was der General gesagt hat. SOLDAT C Nehmt die Flugblatter mit. VON CRENSKY Guten Morgen, Hoffmann. Wollen Sie weiter mit uns reiten, oder geht es nach Hause? Das Angebot steht, 50-50. Sie versuchen wirklich durch die Wuste in britisches Gebiet zu kommen. KRAMER Wie viele das noch sein mogen? HARTUNG 30.40.000? Mit Vieh und Pferden. VON CRENSKY Die Kalahari wird vollenden, was wir angefangen haben. HOFFMANN Wie meinen Sie das? VON CRENSKY Naja, wir besetzen alle Wasserlocher von hier bis nach Betschuanaland. HOFFMANN Halten Sie das fur richtig, von Crensky? VON CRENSKY Es steht mir nicht zu, Befehle in Frage zu stellen. KRAMER Nachhut kommt. VON CRENSKY Aufschlieben. HOFFMANN Aber Sie haben doch eine Meinung dazu? VON CRENSKY Dies ist mein erster Krieg, vielleicht ist es mein letzter. Auf jeden Fall werde ich ihn fur mich zu nutzen wissen. Und Sie? HOFFMANN Sehr geehrter Professor von Waldstatten, ich hoffe meine erste Sammlung von Objekten aus dem Hereroland hat Sie inzwischen erreicht. Leider macht es mir dieser Krieg unmoglich, die Menschen zu studieren. Ich kann keine Messun- gen machen, ich kann keine Gesprache fuhren, ich kann lediglich dabei zuschauen, wie die Herero und Nama vernichtet werden, weil ich einen unheiligen Pakt mit einem korrupten Schutztruppen-Offizier eingegangen bin. HARTUNG Feind in Sicht! VON CRENSKY Verteidigungslinie. KRAMER Alle Verteidigungslinien bilden. Aufgewacht! Schneller, wird!s bald! Das ist keine Safari hier! Los los los los. HOFFMANN Herr Oberleutnant. Es sind nur Frauen und Kinder. Die wollen wahrscheinlich Wasser. VON CRENSKY Ja, scheint so. Ist aber ein schones Glas. Das ist wirklich sehr schon. Danke.Leutnant. Was sagen Sie? Das sind nur Frauen und Kinder. KRAMER Herr Oberleutnant. Diese Entscheidung obliegt Ihnen ganz alleine. VON CRENSKY Wir sind hier vollkommen vom Nachschub abgeschnitten. Wenn die Krieger der Herero uns angreifen, brauchen wir jede Patrone. Es macht uberhaupt keinen Sinn, Munition fur ihre Weiber und Balger zu verschwenden. HOFFMANN Ja, macht uberhaupt keinen Sinn! Und wir haben ja auch mehr als genug Wasser hier an der Quelle. Von Crensky Wie? HOFFMANN Ja, wie Sie sagten, Herr Oberleutnant. Es macht uberhaupt kei nen Sinn, Ihre Munition zu vergeuden. VON CRENSKY Genau. Leutnant. Bajonette aufpflanzen. Auf zehn Meter machen wir einen Ausfall und stechen sie ab. KRAMER Bajonett, pflanzt auf! HOFFMANN Was KRAMER Ausfall auf zehn Meter! Und seid nicht zimperlich Jungs. General von Trothas Befehl ist eindeutig. Wir machen keine Gefangenen. HOFFMANN Ich bitte Sie KRAMER Das hier ist der Feind, und wir werden ihn vernichten. HOFFMANN Ich bitte Sie, Herr Oberleutnant. Dann lassen Sie die Leute we nigstens erschieben. VON CRENSKY Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie erschieben einen Kaffer. Vielleicht verstehen dann die anderen die Botschaft und ziehen ab. Was halten Sie davon? HERERO Wasser, Deutschmann. Wasser! Wasser! VON CRENSKY Sie mussen schon einige erschieben. HOFFMANN Ich kann das icht. VON CRENSKY Deshalb hasse ich diese Gefuhlsduselei so sehr. Weil Manner wie Sie sich drucken, und wir es dann richten mussen. Auf mein Kommando! HOFFMANN Sie haben hier die Macht, und Sie konnen doch entscheiden! Eine Kugel erspart Ihren Soldaten vielleicht eine lebenslange Erinnerung an ein furchtbares Massaker! KRAMER 30 Meter, Herr Oberleutnant! 20 Meter! VON CRENSKY Was soll!s. Immerhin muss sie jetzt nicht mehr verdursten wie die anderen. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Sehr geehrter Herr Hoffmann, Ihre Verzweiflung kann ich nur zu gut verstehen. Zeit meines Lebens habe ich auf meinen Reisen ebenso empfunden.Stets war mir bewusst, wie die Zeit drangt, wie an vielen Orten der Welt eingeborene Gruppen, Indianerstamme, Naturvolker verschwinden, wie der Schnee in der aufgehenden Sonne der Zivilisation. Fall es Ihnen nun unmoglich geworden ist, am lebendigen Objekt die Kulturen zu studieren, so konnten Sie vielleicht, ohne grobes Aufsehen zu erregen und mit Hilfe Ihres Offiziers, Totenschadel nach Berlin senden. Damit wir es eines Tages entziffern, das grobe Geheimnis der menschlichen Evolution. HOFFMANN Ich lege funfzig Mark drauf.Ich brauche nur die Kopfe. VON CRENSKY Hartung, das ist nicht unser Geschaft. Es gibt Sachen, die willst du nicht tun. Wir passen nur auf, dass dem Doktor nichts passiert. Die Kopfe sam- melt er selbst. HARTUNG Hoffmann, Essen. Na los, wird noch kalt. HOFFMANN Das sind Kinder. Kinder, wollt Ihr Wasser. Es ist Wasser. Hartung, mein Essen! Wasser. Kennt Ihr diese Frau? Kennen sie diese Frau? Kunouje Kambazembi? HERERO Kunouje. HOFFMANN Ja. Kunouje. ebt sie? Lebt sie? Ja? VON CRENSKY Wer ist sie? HOFFMANN War auch in Berlin. HERERO Weiss Doktor! HOFFMANN Was wartet mal. HERERO Weiss Doktor! HOFFMANN Was, weiss Doktor? Welcher Doktor? VON CRENSKY Die haben mehr Angst von Ihnen als vor uns. HOFFMANN Das ist Unsinn. VON CRENSKY Wir bringen nur den Tod, Sie den Untod. HOFFMANN Aberglaube. Tot ist tot, es gibt keinen Untod! Wir Ethnologen haben der Welt bereits bewiesen, dass die Menschheitsgeschichte viel alter ist als Eure Bibel. VON CRENSKY Jungs, das ist ein grober Moment fur uns. Man trifft selten ei- nen Mann, der sich fur kluger halt als Gott. HOFFMANN Was ist das? VON CRENSKY Konzentrationslager. Fur die Kriegsgefangenen. Bauen wir jetzt uberall im Land. Das grobte ist auf der Haifischinsel bei Luderitz. SOLDAT Los zuruck da, weg da! In Otjiherero HOFFMANN Ja HOFFMANN Kunouje FRAU Davon nehm ich auch eins HOFFMANN Wie lange bleiben Sie? PROFESSOR VON WALDSTATTEN Nur kurz. Ich war auf Einladung der British Association for Science in der KappProvinz. HOFFMANN Schadelvermessungen? PROFESSOR VON WALDSTATTEN Nein, ich habe Sprachen aufgenommen. Mit einem Phonographen. HOFFMANN Sprachen sammeln. Das klingt angenehm. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Durchaus, durchaus. War eine herrliche Reise. Meine Frau hat das auch sehr genossen. HOFFMANN Ja. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Und in 14 Tagen geht!s wieder nach Hause. HOFFMANN Schon. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Aber jetzt sprechen wir doch mal uber Ihre Expedition HOFFMANN Haben Sie meine Messungen veroffentlicht? PROFESSOR VON WALDSTATTEN Nein. HOFFMANN Wie? Die Kofe der Herero sind nicht kleiner aus unsere. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Ihre Zahlen stimmen. Aber wenn wir jetzt veroffentlichen, hat das katastrophale Folgen. HOFFMANN Fur wen? PROFESSOR VON WALDSTATTEN Fur mich! Ich verliere Amt und Wurden. HOFFMANN Ich versteh das nicht. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Schauen Sie, die Schadelvermessungen sind doch nicht blob eine Spielwiese fur Akademiker. Unsere Schlussfolgerungen werden inder Massenpresse zitiert, und Sie konnen sicher sein, dass in dieser Situation die Durftig- keit unserer Ausgangslage sehr genau gepruft wird. Glauben Sie denn wirklich, die Briten beenden ihr Empire oder der Kaiser diesen Krieg, blob weil Sie 46 HereroSchadel vermessen haben? Als nachsten Schritt sollten wir Mabe erfassen, die deutlich alter sind, um evolutionare Vergleiche zu ziehen. Graber, Hoffmann. Ahnengraber. Gehen Sie zwei, dreihundert Jahre zuruck und vermessen Sie die Schadel der Herero. Das bringt uns wahre Erkenntnis uber die Evolution dieses Stammes. HOFFMANN Die Ahnengraber sind heilig. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Das ist Hokuspokus. Die Herero behaupten doch, Christen zu sein. Ich glaube, die sind ganz einfach gottlos. HOFFMANN Die sind nicht gottlos, sondern beseelt von einer eigenen Moral. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Jedenfalls muss ich Wendenburgs Dozenten- stelle anders besetzen, wenn Sie auch von einer eigenen Moral beseelt sind. Naja, uberlegen Sie sich das. HOFFMANN Aber ich werde nur unterrichten, woran ich glaube. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Gut. Absolut richtig. HOFFMANN Ist was? VON CRENSKY Hartung, du hilfst ihm heute. Ich will so schnell wie moglich wieder weg hier. HOFFMANN Is gut. VON CRENSKY Hartung! Hartung! Hoffmann, raus da! Hoffmann. Kramer, die Pferde die Pferde gehen durch! ZWEI HERERO sprechen in Otjiherero HOFFMANN Kunouje? Kunouje? Kunouje? KUHLMANN Sie haben Angst vor allen Weiben, die sie nicht kennen. HOFFMANN Haben Sie mich gerettet? KUHLMANN Nein. Das war eine unser Patrouillen. Herero, die in der Gegend umherreiten und den Menschen sagen, dass sie hier Hilfe finden konnen. Sie haben Ihre Schusse gehort. Ich bin Pater Kuhlmann von der Rheinischen Mission. Sie sind im Auffanglager Omburo. HOFFMANN Hoffmann. KUHLMANN Freut mich. Einen schonen guten Abend. ALLE Guten Abend. KUHLMANN Herr Hoffmann, mochten Sie das Tischgebet sprechen? HOFFMANN Ich denke, dass konnen Sie besser. KUHLMANN Lieber Gott, wir danken dir fur den reich gedeckten Tisch. Lass uns nie die Menschen vergessen, denen es nicht so gut geht, und lehre uns teilen. Amen. ALLE Amen. KUHLMANN Guten Appetit. ALLE Guten Appetit. KUHLMANN Der neue Gouverneur von Lindequist gestattet uns, dass die Herero hier zur Ruhe kommen konnen. HOFFMANN Glaube Sie ihm das? KUHLMANN Er hat Decken, Medizin, Lebensmitteln und Tabak geschickt. Es ist wohl noch nicht das Ende des Weges, aber eine Oase, in der die Herero Atem schopfen konnen. Ich glaube, von Lindequist will wirklich Frieden schlieben. Er muss es, wenn Sie mich fragen. Die Siedler beschweren sich. Im Suden der Krieg mit den Nama und hier im Norden die Herero, die sich noch immer aus Angst vor Trothas grausamen Vernichtungsbefehl im Busch verstecken. Die Kolonie ist unsicherer denn je. Und was bringt Sie hierher HOFFMANN Ich bin Ethnologe. Aber Aber meine Aufgabe hier ist beendet. KUHLMANN Wie kommt man dazu, Ethnologe zu werden? HOFFMANN Wie kommt man dazu, Missionar zu werden? KUHLMANN Um durch das Wort Gottes Hoffnung in diese Finsternis zu bringen. HOFFMANN Das HOFFMANN gut. Das klingt nach einem philanthropischen Unter- nehmen. Aber wir wissen beide, dass das ein Marchen ist. Die Kirche hat immer auf der Seite der Machtigen gestanden. Sie sind nur hier, um die Gier der Kolonialwarenhandler und Reeder und Goldsucher und Farmer zu legitimieren. KUHLMANN Nicht jede Allianz der Kirche war heilig. Aber das trifft auf die Wissenschaft genauso zu, oder? Darf ich Sie mal etwas fragen? HOFFMANN Bitte. KUHLMANN Haben Sie Graber geschandet? HOFFMANN Nein. HOFFMANN Entschuldigung. Kennen Sie Kunouje vielleicht? FRAUEN sprechen in Otjiherero. HOFFMANN Ja, Kunouje. KUHLMANN Woher kennen Sie diese Frau? HOFFMANN Von der Volkerschau in Berlin. KUHLMANN Ihr Mann ist hier im Lager. Kommen Sie. Ja, er liegt oben in der Krankenstation. Sein Name ist Gabriel. Gabriel? HOFFMANN Kunouje? GABRIEL Metjiwa kutja owani. KUHLMANN Er sagt, er weib, wer Sie sind. GABRIEL in Otjiherero. KUHLMANN Sie hat immer in einem Buch gelesen, dass Sie ihr geschenkt ha ben. HOFFMANN Ja. Wo ist sie? GABRIEL Haifischinsel. SOLDATEN Los, verteilt euch im Lager. Aber nur die Starken. Alles durchsuchen. Die kleine Kirche dort oben bitte auch durchsuchen. KUHLMANN Was soll das? Was machen die hier? HOFFMANN Ich kenn einen der Leutnants. KRAMER Hoffmann? Sie leben noch. HOFFMANN Ja. Was passiert hier? KRAMER Wir mussen Leute holen, sterben wie die Fliegen beim Eisenbahnbau. HOFFMANN Aber der Gouverneur hat den Missionaren versprochen, dass die Herero hier sicher sind. KRAMER Ja, das war gestern. Heute verkauft er sie fur kleines Geld an die Eisenbahn. Los! KUHLMANN Aufhoren! Sofort! Was soll das? Sagen sie, sie sollen aufhoren. Sofort! GABRIEL Haifischinsel. SOLDAT Was gibt!s? HOFFMANN Forschungsreisender aus Berlin! Ich muss zur Lagerkommandanur! SOLDAT Da oben. GEFANGENE sprechen in Otjiherero. HOFFMANN Kezia? Kezia? Kezia! DR.BORINGER Ein Forschungsobjekt? HOFFMANN Ja. DR.BORINGER Interessant. Aus dem Kopf weib ich nicht, ob wir sie auf der Insel haben. Es kommen.es kommen so viele. Aber wir fuhren Listen mit Stuckzahlen, so viele Herero, so und so viele Hottentotten. Und dann kriegen die eine Nummer und die entsprechende Passmarke. Hier. Kambazembi, Kezia. Nummer 11999.Sie musste im Lager sein. HOFFMANN Danke. DR.BORINGER Moment, Moment. Sie konnen sich morgen bei Tageslicht gerne umsehen, aber jetzt in der Dunkelhei Druben in Luderitz finden Sie ein Quartier. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Ah, Hoffmann. Sie sehen mitgenommen aus. Ist alles in Ordnung? Was ist mit Ihnen? Emma, darf ich dir Herrn Hoffmann vorstellen? Er ist fur mich auf Forschungsreisen gegangen und hat sehr viele interessante Beobachtungen uber die Menschen gesammelt. EMMMA VON WALDSTATTEN Hocherfreut. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Wenn wir uns uber den Lehrinhalt einigen, dann ist Herr Hoffmann ein moglicher Nachfolger fur den verstorbenen Dozenten Wendenburg. EMMMA VON WALDSTATTEN Dann wunsche ich Ihnen alles Gute, Herr Hoffmann. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Mochten Sie vielleicht mit uns zu Abend essen? Nun, kommen Sie erst einmal wieder in der Zivilisation an, mein Junge. Komm. PROFESSOR VON WALDSTATTEN Sagen Sie mal, was ist eigentlich mit Ihnen? Fahren Sie nicht mit uns nach Hause? HOFFMANN Die Wissenschaft ist Ihnen ebenso gleichgultig wie die Herero und Nama, oder? PROFESSOR VON WALDSTATTEN Wissen Sie, ich wurde nicht sagen gleichgultig, aber ich bin auch nicht mehr in dem Alter, in dem man Revolutionen anfuhrt. Hoffmann, verpassen Sie das Schiff nicht. DR.BORINGER Guten Morgen. Also, schauen wir uns mal um. HOFFMANN Wo gehen die hin? DR.BORINGER Die bauen uns einen neuen Anleger in Luderitz. HOFFMANN Was ist da? DR.BORINGER Die Poststation fur die Volkerkundemuseen in der Heimat. Die Nachfrage nach Schadeln ist in Deutschland ja ungeheuerlich, aber wem sage ich das. Da drin werden die Leichen enthauptet und die Schadel ausgekocht. Manchmal machen die Frauen Theater, wenn sie ihre eigenen Verwandten bearbeiten mussen. Ist sie das? Ist sie das? HOFFMANN Nein. DR.BORINGER Das ist sie doch. Das ist sie doch! Komm mit. Das ist sie doch! HOFFMANN Messen wir zunachst Glabella bis zum Opisthocranion den grob ten Langsdurchmesser. Genau messen, bitte. STUDENT Entschuldige Sie, Herr Professor. HOFFMANN Ja. STUDENT Wir haben in der Bibliothek einen alten Vortrag von Ihnen gefun den. HOFFMANN Mir war nicht bewusst, dass dieser veroffentlicht wurde. STUDENT Und Gibt es Minderwertige Rassen? Ein Vortrag von Alexander Hoffmann, Wis senschaftlicher Assistent STUDENT Entschuldigen Sie bitte, aber wieso haben Sie ihre Meinung von damals revidiert? HOFFMANN Ich war jung. Der Genozid in Sudwestafrika an den Ovaherero, Nama, Damara und San dauert von 1904 bis 1908.Mit Pseudowissenschaftlichen Rassentheorien legitimieren in Deutschland die National- sozialisten spater den Holocaust.Noch immer lagern tausende Totenschadel von Herero und Nama in ethnologischen Sammlungen in Deutschland.